„UNSER ZIEL IST ES, WIEDER WELTMEISTERSCHAFTEN IN DEUTSCHLAND AUSZUTRAGEN!“

Mit dem WBSS-Finale am kommenden Sonnabend in London, der Boxgala in Koblenz am 2. November, einem Kampfabend in Oslo am 16. November sowie weiteren anstehenden Kämpfen bis zum Ende des Jahres, beginnen für das Team Sauerland intensive Wochen. Zuvor spricht Geschäftsführer Kalle Sauerland im ausführlichen Interview über die anstehenden Kämpfe, Pläne für die Zukunft und die Situation des Boxsports in Deutschland.

Sauerland hat sich jüngst von Kulttrainer Ulli Wegner getrennt. Wie kam es zu der Entscheidung?

Wir haben schon in den vergangenen Jahren viele Gespräche über unsere Zusammenarbeit geführt, dieses Jahr dann darüber, dass das Team Sauerland in Zukunft anders aufgestellt werden muss. Dass die Gespräche öffentlich geworden sind, ist sehr unglücklich, da wir uns immer noch in Verhandlungen darüber befinden, wie es ab 2020 weitergehen soll. Früher hatte Ulli viele Boxer im täglichen Training, darunter drei bis vier Weltmeister. Heute betreut er zwei bis drei Boxer insgesamt. Da ist es klar, dass wir andere Wege gehen müssen, auch was unser 600 Quadratmeter großes Gym in Berlin angeht. Natürlich können wir seine Enttäuschung verstehen, auch wenn Ulli aus den Gesprächen wusste, wie die nächsten Schritte aussehen. Man entscheidet so etwas ja nicht von heute auf morgen und beendet dann die Zusammenarbeit völlig überraschend, wenn man so viele Jahre gut und erfolgreich zusammengearbeitet hat. Der Zeitpunkt der schriftlichen Kündigung war einerseits vielleicht unglücklich, war andererseits jedoch bereits besprochen und kam daher nicht überraschend. Es wäre schön, wenn wir eine Lösung mit Ulli finden, damit er weiter Jungs von uns trainieren kann. Er ist aber natürlich frei in seiner Entscheidung, da kann ich auch nicht für ihn sprechen. Wir sind Ulli sehr dankbar für all seine Arbeit in den ganzen Jahren beim Team Sauerland und hoffen, dass er einige Jungs in anderer Konstellation weiter betreut.

Es hieß, es hätten bei der Trennung auch finanzielle Faktoren eine Rolle gespielt. Wie ist Sauerland derzeit aufgestellt und wie sind die Zukunftsaussichten?

Es ist natürlich ein Unterschied, ob jemand drei oder fünfzehn Boxer trainiert, das ist eine ganz andere Grundlage. Da muss man dann drüber sprechen, auch was das Gesamtpaket aus Trainern, Gym und Betreuern in Höhe von mehreren hunderttausenden Euro jährlich angeht. Es ist ja nicht nur beim Team Sauerland so, dass auf dem deutschen Markt ganz andere Summen im Raum stehen als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Deutschland hatte über fast drei Jahrzehnte extrem viele Weltmeister, zurzeit gibt es nicht einen in den großen Verbänden. Glücklicherweise haben wir uns als Familie Sauerland auch international orientiert, wo wir in anderen Märkten sehr erfolgreich veranstalten. Wir als Familie und Team sind nach wie vor bereit, in eine Sportart zu investieren, die wir nicht nur lieben, sondern wo wir auch glauben, dass es eine große Zukunft gibt. Bei uns wird es aber so sein, dass wir eher auf sechs, sieben Talente setzen und nicht mehr auf zehn bis zwanzig Athleten.

Früher produzierte Sauerland deutsche Weltklasse-Boxer am Fließband – das hat sich geändert. Was unternehmen Sie, um mit Ihren Boxern wieder den Sprung unter die Besten schaffen?

Sauerland hat nie Weltmeister „produziert“, sondern die Weltmeister kamen aus einem sehr guten Amateursystem und sind dann zu den Profis gewechselt. Zurzeit gibt es weniger Talente im Unterbau. Wie bei anderen Einzelsportarten sind wir davon abhängig, dass Talente auch durchkommen. Wir gucken jetzt, dass wir schon in sehr jungen Jahren in unsere Sportler investieren, sie fördern und an die Spitze führen, wie zum Beispiel in die erst 17-jährige Sophie Alisch. Keiner unserer Boxer in Deutschland ist über 30, die Hälfte ist sogar unter 25.

Auf welche Talente setzen Sie besonders und warum?

Wir glauben, dass wir zurzeit die besten Talente in Deutschland haben und konzentrieren uns auf diese exklusive Auswahl. Bei uns gab es nie Mittelmaß, sondern unser Anspruch ist es, die Besten zu haben und diese auf die Weltbühne zu heben. Schon jetzt stehen mit Vincent Feigenbutz, Leon Bunn, Patrick Wojcicki, Denis Radovan, Leon Bauer und Abass Baraou sechs unserer Boxer unter den Top 15 der Welt. Feigenbutz und ein, zwei der anderen Athleten werden schon 2020 um Weltmeisterschaften boxen, weitere 2021 folgen. Es hat jetzt vielleicht ein wenig gedauert, aber wir sind an dem Punkt, wo das deutsche Boxen nicht mehr weit weg von der großen Bühne ist – eine sehr spannende Phase! Die Zeit ist ein wenig vergleichbar mit der damals bei RTL, als wir auch nur fünf bis sechs Boxer wie die jungen Maskes, Beyers oder Ottkes unter Vertrag hatten, die dann aber alle durchgestartet sind.

Es gab jüngst Gerüchte über einen vorzeitigen Ausstieg von Sport1 als übertragender Sender der Sauerland-Kämpfe. Inwiefern trifft das zu und wie wollen Sie in dem Fall einen TV-Blackout vermeiden?

Ich kann es nur nochmal betonen: Stand jetzt gibt es keinen vorzeitigen Ausstieg von Sport1 aus unserem langfristigen Vertrag. Natürlich gucken wir parallel, wie wir unsere Sportler noch besser präsentieren können, auch auf der Weltbühne. So boxen jetzt zum Beispiel Abass Baraou und Denis Radovan am 26. Oktober in London beim Finale der World Boxing Super Series (WBSS). Aber auch national haben wir zum Beispiel für den 2. November ein tolles deutsch-deutsches Duell zwischen Leon Bunn und Enrico Kölling in Koblenz auf die Beine gestellt, welches auf Sport1 im Free-TV zu sehen sein wird. Das zeigt doch, dass wir immer noch in Deutschland promoten wollen. Unser Anspruch ist es aber, bald wieder große Events zu machen. Wir geben uns nicht damit zufrieden, klein zu denken. Unser kurzfristiges Ziel ist es, Weltmeisterschaften wieder in Deutschland auszutragen!

2017 brachten Sie die Muhammad-Ali-Trophy an den Start. Wie hat sich das Engagement entwickelt? Es gibt seither auch kritische Stimmen, die besagen, dass das Turnierformat keinen Anklang findet.

Das könnte nicht weiter weg von der Wahrheit sein. Die WBSS läuft auf Hochtouren und hat sich längst als die Champions League des Boxens etabliert. Wir veranstalten innerhalb der nächsten Wochen zwei ausverkaufte Finals-Events in London und Japan, dort vor 22.000 Fans. In den ersten zwei Jahren hat die WBSS internationale Preise für die besten Kämpfe, die besten Events und die besten Boxer gewonnen: Wir wurden unter anderem vom „Global Boxing Forum“, dem Ring Magazine, Yahoo.com oder Sports Illustrated ausgezeichnet! Zudem stehen Teilnehmer wie Oleksandr Usyk oder Naoya Inoue unter den Top 10 der Pound-for-Pound-Weltrangliste. Ich glaube, die kritischen Stimmen kommen vor allem aus der Ecke, der dieses Projekt nicht gefällt. Es ist klar, dass eine so große Marke, die weltweit veranstaltet und große Spuren hinterlässt, auch ein großes Investment benötigt. Aber wir entwickeln uns kontinuierlich weiter, werden immer erfolgreicher und haben zum Beispiel damals für die 2. Staffel einen großen und langfristigen TV-Deal mit DAZN in den USA abgeschlossen, einem sehr starken Partner! Parallel zu den Finals befinden wir uns derzeit bereits in den Planungen für Staffel 3.

Ihr früherer Konkurrent Universum arbeitet mit Hochdruck an seinem Comeback. Unter anderem einen TV-Deal mit dem ZDF haben sie an Land gezogen. Wie bewerten Sie das neuerliche Engagement und die neue Konkurrenz?

Im Gegensatz zu großen Teilen der Boxszene freue ich mich über den Erfolg andere Promoter. Das zeigt doch, dass Bewegung und Interesse vorhanden sind, das ist wichtig für uns alle! Wir sollten gemeinsam an einem Strang ziehen und nicht gegeneinander schießen. Ich finde es sehr gut, wie Universum das macht und wie sie sich für das Boxen einsetzen. Universum hat unsere volle Unterstützung und wir sind beim ersten ZDF-Event auch mit zwei guten Jungs am Start. Patrick Wojcicki steht unter den Top 10 der Welt, Leon Bauer wird gegen Toni Kraft ein weiteres starkes deutsch-deutsches Duell abliefern. Es sind doch sehr positive Nachrichten, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender wieder Boxen im großen Stil zeigt, dazu noch nach dem Sportstudio am Abend des Bundesligaspiels Bayern gegen Dortmund. Ein sehr guter Sendeplatz für das Boxen!

Arthur Abraham hat jüngst verkündet, dass er nicht mehr in den Ring zurückkehren will – und wenn, dann nur gegen Felix Sturm. Wie erleben Sie Abrahams Rücktritt? Hätten Sie sich eine Fortsetzung gewünscht?

Bei Arthur ist es eigentlich schon lange klar, dass er nicht mehr boxt. Felix Sturm wäre eine Möglichkeit gewesen und es gab dahingehend auch Gespräche und Pläne, aber der Kampf kommt eher fünf Jahre zu spät. Das Duell hatte seine Zeit, die ist vorbei. Arthur hat eine sensationelle Karriere hinter sich, er war Weltmeister in zwei Gewichtsklassen und hat große Erfolge gefeiert wie zum Beispiel beim legendären „Blutkampf“ in Wetzlar gegen Edison Miranda oder auch seine großartige Leistung in der O2 World Berlin gegen Jermain Taylor im Super Six-Turnier. Arthur wird als einer der besten deutschen Profiboxer in die Geschichte eingehen.

Interview: SID

2019-10-22T13:26:23+00:00 22. Oktober 2019|News|